Der digitale Rütlischwur
Was würden sich die drei Eidgenossen heute versprechen?
Wo würden sich die drei Eidgenossen heute treffen? Sehr wahrscheinlich nicht mehr physisch auf dem Rütli, sondern in einem Online-Call. Walter Fürst hätte vermutlich Verbindungsprobleme, Werner Stauffacher würde fragen, ob jemand das Protokoll schreibt, und Arnold von Melchtal hätte den Link zur Besprechung nicht gefunden.
Am Ende aber würden sie sich wohl trotzdem auf etwas einigen, das dem Bundesbrief von 1291 erstaunlich nahe käme: In schwierigen Zeiten steht man einander bei. Man hilft sich mit Rat und Tat. Und wenn es Streit gibt, dann redet man miteinander, sucht Vermittlung und findet eine Lösung — statt Gewalt sprechen zu lassen.
Der Bundesbrief war kein Strategiepapier, kein Massnahmenplan und schon gar keine Digitalagenda. Aber er enthielt vieles, was auch gute Digitalpolitik heute braucht: Klarheit, Verlässlichkeit, gegenseitige Hilfe und Vertrauen.
Man darf sich deshalb fragen: Was würden sich die drei Eidgenossen im Jahr 2026 versprechen?
Vermutlich würde ihr neuer Bundesbrief nicht mehr auf Pergament geschrieben, sondern in einer Cloud abgelegt — hoffentlich mit sauberem Backup, klarer Datenhaltung und einer Zwei-Faktor-Authentifizierung, die auch auf dem Rütli funktioniert. Inhaltlich aber wäre der Kern derselbe: Wir lassen niemanden allein. Wir übernehmen Verantwortung. Und wir schaffen Vertrauen in einer Zeit des Wandels.
Genau darum geht es heute auch im digitalen Raum. Die Schweiz hat viel, was sie stark macht: innovative Unternehmen, Spitzenforschung, leistungsfähige Infrastrukturen, pragmatische Institutionen und eine Kultur, die Freiheit und Verantwortung miteinander verbindet. Gleichzeitig ist Vertrauen anspruchsvoller geworden. Viele Menschen sehen die Chancen der Digitalisierung und der künstlichen Intelligenz. Aber sie fragen sich auch, wem sie trauen können: den Plattformen, dem Staat, den Anbietern, den Algorithmen — oder am Ende nur noch dem eigenen Bauchgefühl.
Diese Vertrauensfrage ist zentral. Sie lässt sich nicht mit Sonntagsreden lösen, auch nicht am 1. August. Vertrauen entsteht nicht einfach durch mehr Regulierung. Aber es entsteht auch nicht durch Wegschauen. Vertrauen entsteht dort, wo Verantwortung übernommen wird: durch sichere Systeme, transparente Geschäftsmodelle, gute digitale Kompetenzen, funktionierenden Wettbewerb und eine Politik, die Risiken ernst nimmt, ohne aus jedem Unbehagen einen regulatorischen Sonderweg zu machen.
Ein digitaler Rütlischwur müsste deshalb drei Versprechen enthalten.
Erstens: digitale Teilhabe. Wenn der Bundesbrief von gegenseitiger Hilfe sprach, dann heisst das heute auch: Niemand soll im digitalen Wandel zurückbleiben. Digitalisierung darf kein Feld für Spezialistinnen, Early Adopters und ohnehin gut Vernetzte bleiben. Sie muss allen offenstehen — in der Schule, in der Berufsbildung, in der Weiterbildung, im Alter, in KMU, Gemeinden und Vereinen. Dafür braucht es digitale Bildung, verständliche Anwendungen und die Bereitschaft, Wissen zu teilen. Denn nur wer Technologien versteht, kann ihnen auch selbstbestimmt begegnen.
Zweitens: Vertrauen durch Verantwortung. Wer digitale Dienste entwickelt, anbietet oder reguliert, trägt Verantwortung. Sicherheit, Datenschutz, Nachvollziehbarkeit und Fairness sind keine lästigen Zusatzaufgaben, sondern die Grundlage einer vertrauenswürdigen Digitalisierung. Gerade bei künstlicher Intelligenz reicht es nicht, nur auf Faszination, Tempo oder Effizienzgewinne zu setzen. Menschen müssen verstehen können, wo Technologie hilft, wo ihre Grenzen liegen und wer Verantwortung übernimmt. Vertrauen entsteht durch das, was man tut — durch verlässliches Handeln, nachvollziehbare Entscheidungen und die Bereitschaft, auch dann Verantwortung zu übernehmen, wenn es anspruchsvoll wird.
Drittens: Offenheit mit Rückgrat. Die Schweiz darf sich nicht digital einigeln. Unser Standort lebt von internationalen Märkten, globaler Vernetzung, technologischem Austausch und offenen Schnittstellen. Gleichzeitig braucht Offenheit Handlungsfähigkeit: eigene Kompetenzen, starke Infrastrukturen, Wahlfreiheit, Cyberresilienz und klare Regeln dort, wo sie wirklich nötig sind. Digitale Souveränität heisst nicht Abschottung. Sie heisst, selbstbestimmt entscheiden zu können — offen gegenüber der Welt, aber nicht abhängig von ihr.
Vielleicht würden die drei Eidgenossen heute also nicht schwören, ein einzig Volk von Brüdern zu sein. Vielleicht würden sie es etwas nüchterner formulieren: Wir wollen eine digitale Schweiz, die einander vertraut, einander hilft und den Wandel nicht nur verwaltet, sondern gestaltet.
Das klingt weniger pathetisch als ein Rütlischwur. Aber für den Digitalstandort Schweiz wäre es ein ziemlich gutes Versprechen.
Ich wünsche Ihnen einen schönen 1. August.