Künstliche Intelligenz ist Chance, nicht Risiko – gerade für ein Land wie die Schweiz
Künstliche Intelligenz wird oft mit Risiken wie Jobverlust oder Fehlinformation assoziiert, doch wer nur das sieht, übersieht eine grosse Chance: KI kann den Fachkräftemangel lindern, Routineaufgaben übernehmen und damit in der Schweiz Raum schaffen. Ein nüchterner Blick auf KI.
Kürzlich titelte die NZZ am Sonntag: «KI sorgt bereits für mehr Arbeitslose». Das SRF berichtete zeitgleich prominent «fast jede dritte KI-Antwort enthält Fehler» und stelle die Gefahren für die Demokratie in den Vordergrund. Diese Berichte sind symptomatisch dafür, wie wir neue Technologien diskutieren: Wir sehen vor lauter Risiken die Chancen nicht mehr. Noch mehr als das, wir verstricken uns in den Unsicherheiten. Um das zu illustrieren, müssen wir drei Risken näher beleuchten. Zunächst die Zuwanderung. Kaum ein Thema wird derzeit so heiss diskutiert. Je nach politischer Couleur ist entweder die Zuwanderung selbst das Problem («zu viele und die falschen»), oder die alternde Bevölkerung, Teilzeitarbeit und Fachkräftemangel, oder aber die Expats und der «zu attraktive» Standort Schweiz. Doch quer durch das politische Spektrum herrscht bemerkenswerte Einigkeit, dass bei diesem Thema ein Hund begraben liegt.
Dann ist da die Angst vor «Arbeitsplatzverlusten». Die von der NZZ am Sonntag zitierte ETH-Studie befeuert diese Furcht, da sie – wie die Autoren selbst schreiben – «auf die potenziellen Verlierer der KI-Adoption» fokussiert.
Und schliesslich soll die KI laut einer internationalen Studie, in Auftrag gegeben von öffentlich-rechtlichen Sendern, eine Gefahr für die demokratische Meinungsbildung sein, weil jede dritte Antwort fehlerhaft sei und die Menschen immer weniger News konsumierten.
Diese Sorgen sind verständlich, aber widersprüchlich. Entweder gibt es zu viele offene Stellen und zu wenige Fachkräfte. In diesem Fall ist der Arbeitsplatzverlust durch KI kein Verlust, sondern eine Chance, Menschen zu entlasten und den Fachkräftemangel zu mildern. Oder wir fürchten uns vor Jobabbau und wollen möglichst viele menschliche Tätigkeiten erhalten. Dann dürfen wir uns nicht gleichzeitig über Zuwanderung beklagen. Beides geht nicht.
Ähnlich bei der Fehleranfälligkeit von KI: Wer kritisiert, dass Menschen schlechter informiert sind, kann nicht gleichzeitig ein Problem darin erkennen, dass sie neue Informationsquellen suchen – und finden. Selbst wenn sie dabei gelegentlich Fehler riskieren.
Wir plädieren deshalb für eine Umkehr der Perspektive. KI ist primär eine Chance, nicht ein Risiko. Laut einer Studie könnte KI in der Schweiz mittelfristig eine KI-Rente von jährlich 80 Milliarden abwerfen – fast 10'000 Franken pro Person. Das schafft dringend benötigte Mittel, um wachsende Ansprüche an Gesundheit, Infrastruktur und Sicherheit zu finanzieren. Zugleich automatisiert KI Arbeiten, ohne dabei eine Wohnung im Stadtzentrum von Zürich zu beanspruchen oder den letzten Platz in der S-Bahn zu besetzen. Und sie demokratisiert Wissen, indem sie den Zugang zu Informationen erleichtert. Die Schweiz ist (noch) hervorragend positioniert, um von dieser Entwicklung zu profitieren.
Auch verlieren die Risken bei genauerem Hinsehen ihren Schrecken. Technologische Sprünge haben die Arbeitswelt stets verändert – aber selten verkleinert. Nach der Erfindung des Autos wurden Kutscher nicht arbeitslos, sondern Chauffeure. In der Schweiz wird es beispielsweise bis 2033 über 130‘000 ICT-Fachkräfte brauchen. Zudem ermöglicht KI, dass Menschen vermehrt dort tätig sind, wo der Faktor Mensch wirklich zählt: etwa in der Pflege, der Gastronomie, im Management. Das ist gesellschaftlich wertvoll, denn die meisten von uns ziehen sinnvolle, zukunftsfähige Aufgaben monotoner Routinearbeit vor. Und dass der Faktor Mensch an Bedeutung gewinnt, bietet Möglichkeiten. Auch für alle, die Mühe bekunden, sich an wachsende technische Anforderungen anzupassen und heute eher auf der Strecke bleiben.
Natürlich macht KI Fehler – noch. Die Antwort darauf ist Weiterentwicklung, nicht Ablehnung. Wer KI seit einigen Jahren nutzt sieht, wie rasant sich die Qualität verbessert hat. Und Hand aufs Herz: Auch wir Menschen machen Fehler – manchmal sogar absichtlich, Stichwort «Fake News».
KI birgt Risiken, die offen diskutiert und adressiert werden müssen – etwa beim Urheberrecht für originäre menschliche Leistungen wie Journalismus oder bei der Kompetenz, Informationen kritisch zu hinterfragen. Diese Fähigkeit wird wichtiger für die Verarbeitung künstlicher wie menschlicher Quellen. Doch solange die Arbeitslosigkeit tief bleibt und wir wegen dem demografischen Wandel Personal suchen, ist die Angst vor Jobverlust durch KI reine Projektion. Und gerade wenn wir beklagen, dass Debatten faktenärmer werden, sollten wir KI als Chance sehen. Vielleicht sollten wir weniger über Maschinen nachdenken, die uns bedrohen, und mehr über Narrative, die uns blockieren. Angst ist dabei kein guter Ratgeber.
Autoren:
Dr. Jon Albert Fanzun, CEO Swico & Alexander Keberle, Leiter Standortpolitik, Mitglied der Geschäftsleitung economiesuisse
Erstpublikation dieses Beitrags erfolgte am 16. November 2025 in der NZZ am Sonntag.